Mittwoch, 9. September 2015

30 Tage: Lachen (9/30)

Glück und Wahnsinn liegen nah beieinander, wenn man Kinder hat.
In einem Moment kann man auf einer Bank in der kühlen Herbstluft sitzen und sich über die spielenden Kinder freuen. Im nächsten Moment bekommt man graue Haare, weil die Aussage: "Steck bitte keinen Dreck in dieses Gerät!" auch bei der vierten Wiederholung auf taube Ohren stößt.
Ich merke, dass ich oft extrem angespannt bin, weil ich so viele Sachen auf dem Schirm habe, die ich meiner Meinung nach besser im Griff haben oder längst erledigt haben sollte.
Visionen von Wäschebergen, das Strandfeeling auf dem Teppich im Hausflur, versäumtes Instrumente-Üben, Stapel von wichtigen und unwichtigen Papieren auf dem Tisch, die dringend sortiert werden sollten.
Das Anstrengendste an der Erziehung von sechs Kindern finde ich aber nicht, einen Haushalt zu schmeißen (worin ich keine Vorzeigemutter bin), für alle mitzudenken, nachts Albtraum geplagte Kinder zu trösten oder tagsüber mit Terminen zu jonglieren. Was am meisten an meinen Kräften zehrt, ist das "Spielverderber"-Sein. Dafür zu sorgen, dass Regeln eingehalten werden. Kinder anzutreiben, wenn Spielen soo viel spannender ist als Schuhe anziehen. Konsequenzen durchzusetzen, wenn jemand den Bogen mal wieder überspannt hat.

Das ist relativ einfach, wenn man selbst gelassen ist. Steckt man aber schon selbst in dem Gefühl "Ich möchte bitte jetzt einfach mal RUHE haben...", dann ist das unglaublich anstrengend. Ich schätze, dass diese Kraftlosigkeit, die einen dann mitunter befällt, nur von Müttern und Vätern nachvollzogen werden kann. Früher (als Kind) hätte ich mir nie vorstellen können, dass "Meckern" für die Eltern unangenehm ist. Tatsächlich ist es für mich der schlimmste Teil meiner Aufgaben als Mutter (noch vor dem Backen von Kuchen für Schulfeierbuffets).
Gestern war wieder so ein Tag, an dem eins der Kinder es geschafft hat, mich an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Die klugen, gewaltfreien Mittel der Pädagogik griffen derart schlecht, dass die inneren Körpersäfte zu brodeln begannen. Projekt Lachen verkrümelte sich unbemerkt hinter den Horizont. Als die Situation sich schließlich langsam trotzdem wieder entzerrte, blieben meine Gesichtsmuskeln wie verkrampft. Gar nicht gut. Gerade, als wirklich die ersehnte Ruhe eingetreten war, alle Kinder - inklusive des temporären Krisenauslösers - friedlich malend am Esszimmertisch saßen, und ich mir einen Caro-Kaffee (koffeinfrei) gekocht hatte, kam mein Dreijähriger angetappst.
"Mama, komm, wir machen eine Aufführung!" (Oh nein. Bitte nicht. Bitte kein selbst ausgedachtes Theaterstück. Ich will doch nur meinen Kaffee trinken...)
Ich atmete kurz durch. Dachte an mein Vorhaben und daran, dass es eigentlich so toll ist, dass der Kleine mit mir spielen möchte. Und sagte nicht das, was ich sonst meistens sage ("Du, ich brauche jetzt mal eine Pause. Mach die Aufführung doch mit deinen Geschwistern, ich schaue sie mir dann auch an, ok?"), sondern: "Na gut. Wer soll ich sein?"
Ein Strahlen zog auf seinem Gesicht ein. Er nahm mich bei der Hand, zog mich in Richtung Wohnzimmer und sagte: "Du bist die böse Hexe."
Ich widerstand auch hier der Versuchung, das Ganze psychologisch zu interpretieren und in tiefe Depressionen zu verfallen.
Ich fügte mich den Anweisungen des Regisseurs und spielte die mir zugewiesene Rolle in dem Stück "Die böse Hexe, ihr böser Hund und das Schnabeltier", welches unter begeistertem Applaus der drei geschwisterlichen Zuschauer uraufgeführt wurde.
Was soll ich sagen. Projekt "Lachen" lohnt sich für mich. Ich hätte trotzdem gern meinen Kaffee im warmen Zustand getrunken und danach Staubsauger und Waschmaschine betätigt. Stattdessen habe ich mit sechs Kindern Theater gespielt (und danach eine weitere Aufführung, mit der vier Monate alten Lenya in der Rolle des Cäsaren ("Holt die Geparden!")) angeschaut. Ich fühlte mich danach nicht sonderlich erholt, der Haushalt ruft immer noch lauthals nach mir, aber ich habe das Gefühl, ein bisschen mehr die Mutter zu sein, die ich eigentlich sein will.

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