Posts

Wenn Jesus 2021 geboren wäre... (Teil X)

Bild
 Helga, die ältere Dame, die das Gebäude betreten hatte, als Trucker Jens mit der Security-Frau zur Teeküche ging, nabelte das Baby routiniert ab. Sie hatte so vielen Kindern auf die Welt geholfen, bevor sie in Rente ging. Heute hatte sie nur die Blumen im Gemeindehaus gießen wollen, wie sie es an jedem Mittwoch tat. Dass sie noch einmal als Hebamme aktiv werden sollte wäre ihr nicht in den Sinn gekommen. Und doch hatte Gott sie genau zur richtigen Zeit geschickt. Sie hatte sich gewundert, dass die Tür nicht verschlossen war. Dann hörte sie, auf dem Weg zur Damentoilette, wo die Gießkanne stand, ein Geräusch, das ihr mehr als vertraut war: das Tönen einer Frau in den Wehen. Vollkommen überrascht hatte sie auf den Hacken kehrt gemacht und war dem Ton gefolgt. Er kam aus dem Gästezimmer der Gemeinde, wo eine junge Frau vor dem Bett kniete und eine Wehe veratmete. Von da an war sie ganz in ihrem Element gewesen. Und jetzt war es da, das kleine Wunder. Rosig und gesund. Ein perfekter klein

Wenn Jesus 2021 geboren wäre... (Teil IX)

Bild
 "Beherberungsverbot!", wiederholte der Mann an der Rezeption ungeduldig. Er hatte dieses Wort heute schon unzählige Male gesagt. Auf Deutsch, Englisch und Spanisch. Er hatte sogar gegoogelt, was es auf Türkisch heißt. Die Leute, die am Flughafen Dresden gestrandet waren, suchten alle nach einer Möglichkeit, entweder weiter zu kommen, oder irgendwo unterzukommen. Aber das war so ziemlich hoffnungslos. Das Rote Kreuz und die Stadtmission verteilten schon Tee und Decken unter den Reisenden. Es würde eine lange Nacht in der Wartehalle werden. Dr. Caspari bedankte sich beim Rezeptionisten für seine Auskunft, auch wenn es ihn nicht sehr viel weiter brachte. Als er sich umdrehte, um Bernd zu suchen, stieß er mit einem Mann in Uniform zusammen. "Entschuldigen Sie bitte", murmelte er, automatisch in seiner Muttersprache Englisch. Der Uniformierte lächelte und entgegnete, ebenfalls auf Englisch: "Kein Problem!" Jetzt erkannt Dr. Caspari die Uniform. In seiner Heima

Wenn Jesus im Jahr 2021 geboren wäre... (Teil VIII)

Bild
 Es war kurz vor drei, als Schwester Fanny die junge Frau begrüßte, die, in Begleitung ihres Mannes und eines dicken Herrn im nassen T-Shirt am Tresen aufgetaucht war. Die Frau sah zerzaust aus hatte Schnee im Haar. "Es tut mir Leid, aber Begleitpersonen müssen vor der Tür warten", befahl sie streng, obwohl ihr Herz etwas ganz anderes sagen wollte. Der beleibte Herr machte sofort ein paar Schritte zurück. "Dann rauche ich solange eine", teilte er mit und wandte sich zur Tür. "Sagt mir Bescheid, wenn ihr wisst, was kommt." Mein Baby kommt, dachte Marie-Joline, sprach es aber nicht aus. Sie schenkte ihm ein dankbares Nicken und wandte sich wieder der Empfangsdame zu. "Ich habe Wehen", erklärte sie mit gedrückter Stimme. "Ziemlich schnell hintereinander." "Wie schnell?", wollte die Frau wissen, während sie bereits zum Telefonhörer griff. Marie-Joline warf Luca einen unsicheren Blick zu. "Ich... weiß nicht genau. Es ist nicht

Wenn Jesus im Jahr 2021 geboren wäre... (Teil VII)

Bild
 Müde saß Marie-Joline auf dem Beifahrersitz und versuchte, die Rückenschmerzen zu ignorieren, die sie seit dem frühen Morgen hatte. Luca starrte hochkonzentriert auf die Straße vor sich, während die Scheibenwischer auf Höchststufe liefen. Mit wenig Erfolg, denn der nasse Schnee stürzte geradezu kamikaze-mäßig vom Himmel und verwandelte die Autobahn in eine Rutschbahn aus Matsch und Eis. Hoffentlich schafften sie es ohne Unfall bis Dresden. Hoffentlich hörten diese blöden Schmerzen auf. Hoffentlich waren sie bald wieder zuhause im warmen Wohnzimmer auf dem Sofa... "Verdammt! Was ist..." Das Auto schlingerte plötzlich, und Marie-Joline krallte sich panisch an den Türgriff. Das Brummen des Motors erstarb mit einem Mal und der Wagen driftete antriebslos ein paar Meter, bevor er ruckelnd auf dem Seitenstreifen zu stehen kam. Geistesgegenwärtig hieb Luca mit der flachen Hand auf die Warnblinkanlage. Seine zitternden Hände hielten das Lenkrad umklammert. Autos brausten an ihnen vor

Wenn Jesus im Jahr 2021 geboren wäre... (Teil VI)

Bild
 Am Flughafen von La Palma war die Hölle los. Dr. Caspari und sein Kollege Bernd standen seit Stunden in der Schlange zur Abfertigung und kamen keinen Schritt voran. Die FFP2-Maske juckte im Gesicht, und die Unsicherheit sorgte für Herzrasen. Dazu kam, dass Dr. Caspari einen unmenschlichen Durst verspürte, aber natürlich keinen Zugriff auf Wasser hatte. Die paar Milliliter, die er im Handgepäck mitnehmen durfte, hatte er längst ausgetrunken. "Geimpft und genesen bitte hier rüber!", rief plötzlich eine Stimme in der Landessprache. Bernd stieß Caspari in die Rippen. "Los, schnell! Endlich bewegt sich mal was!" Dummerweise glich die entstehende Bewegung der einer Kuhherde auf der Flucht, und Dr. Caspari verlor seine Brille, während er krampfhaft versuchte, mit Bernd Schritt zu halten. Die vorgeschriebenen eins fünfzig Meter Abstand waren plötzlich irrelevant. Caspari ertrug fremde Arme im Gesicht, fremde Ellbogen im Bauch und fremde Schuhe auf seinen Füßen, während er

Wenn Jesus im Jahr 2021 geboren wäre... (Teil V)

Bild
 Das Jahr flog nur so dahin, schneller als je ein Jahr zuvor - zumindest hatte Marie-Joline dieses Gefühl. Jeden Morgen betrachtete sie im Spiegel, wie ihr Bauch sich immer mehr rundete. Oft trat Luca von hinten an sie heran, schloss sie in seine Umarmung ein und murmelte: "Du bist mein Wunder, Marie-Joline. Du und das Baby. Ich hätte nie gedacht, dass es mich so glücklich machen würde, dieses Abenteuer mit dir zu erleben." Die Schwangerschaft war bisher absolut komplikationslos verlaufen. Die Verwandtschaft hatte sich beruhigt und ließ das junge Paar in Ruhe. Marie-Joline und Luca lebten in ihrer gemütlichen Wohnung zusammen und genossen es einfach. Im Sommer hatte die junge Frau ihr Abitur gemacht, und nun freute sie sich einfach auf ihre Aufgabe als Mutter. Das geplante Studium konnte noch ein wenig warten. Luca verdiente zwar nicht viel, aber mit ein wenig gutem Willen reichten sein Gehalt und die staatliche Unterstützung locker aus, um ein bescheidenes, glückliches Leben

Wenn Jesus im Jahr 2021 geboren wäre... (Teil IV)

Bild
 Luca würde den Traum nie vergessen, in dem der Engel ihm begegnet war. Nach Marie-Jolines Nachricht hatte Luca lange mit sich gerungen. Er liebte sie wirklich und wäre nie auf die Idee gekommen, sie zu verlassen. Wenn ihn jemand nach seinen Zukunftsplänen fragte kam Marie-Joline immer darin vor. Sogar Kinder kamen darin vor. So zwei bis drei. Es war ihm auch egal, ob Mädchen, Jungen, oder von allem etwas. Selbst wenn es dazu gekommen wäre, dass sie ihre Grenzen überschritten und miteinander geschlafen hätten, und wenn Marie-Joline von ihm schwanger geworden wäre, egal, obwohl sie beide so jung waren, sie hätten es schon geschafft. Er hätte sie nicht zu einer Abtreibung gedrängt, niemals. Wirklich nicht. Aber ein Kind von einem anderen Mann, verbunden mit der Wahnvorstellung, es sei "Gottes Sohn"? Was für ein Freund wäre er, wenn er nicht darauf bestehen würde, dass sie zur Vernunft kam? Drei Tage nach der Nachricht hatte er sich entschieden. Er wollte sie anrufen und ihr sag