Mittwoch, 3. Juli 2019

Für ein besseres Klima!

Puh, in den sozialen Netzwerken - insbesondere in dem mit dem blauen "F" - herrscht ein rauher Wind.
Es gibt zwei Hauptthemen, die mir in den letzten Tagen pausenlos begegnet sind: Frau Rackete und der Mangel an "Menschlichkeit" im allgemeinen, und Greta Thunberg mit allen Facetten des Klimawandels.
Bei beiden Themen geht es oberflächlich um die tatsächlichen Herausforderungen. Noch viel mehr geht es aber darum, sich selbst "richtig" zu positionieren und alle zu enttarnen, die "falsch" denken. Ich sage nicht, dass es unnütz ist, die Stimme gegen Unrecht und Missstände zu erheben, im Gegenteil. Was ich aber schrecklich finde ist, dass die "Diskussionen" sich schnell in gegenseitigen Anschuldigungen erschöpfen.
Sei es, dass Worte wie "Nazi" oder "Wirtschaftsflüchtlinge" inflationär benutzt werden, oder sei es, dass Menschen sich damit brüsten, wie sie - im Gegensatz zur "Jugend von heute" - in den Sechzigern noch nicht mit Handys gespielt und eingeschweißte Gurken gekauft haben. Ich lese und versuche zu verstehen, was die Menschen bewegt.
Was ich fühle ist: jeder versucht, sich selbst von der Zerstörung der Welt abzugrenzen.
Ich bin nicht Schuld am Klimawandel - ich stamme aus einer Generation, die noch zu Fuß zur Schule ging.
Ich bin kein Fremdenfeind, ich habe eine Petition unterschrieben!
Wir fühlen uns von dem Unrecht und der unaufhaltsamen Veränderung unserer Umwelt überfordert. Etwas läuft gewaltig schief in unserer Gesellschaft, aber wo lässt es sich stoppen? Wer sitzt am Steuerrad? Die Politiker? Ach ja, die habe ich bei meiner Aufzählung am Anfang ganz vergessen. Die sind natürlich alle, alle unfähig und verdienen zu viel Geld.
Es ist zum Mäusemelken.
Es ist die Welt in der wir leben.
Die Gesellschaft, in der ich meine Kinder aufwachsen lasse.
Als ich ungefähr acht Jahre alt war erwähnte einmal einer der Erwachsenen, dass wir (Kinder von damals) bestimmt selbst keine Kinder mehr in die Welt setzen würden. Er prophezeite, dass dies eine viel zu gefährliche, kaputte Welt sein würde. Der Kalte Krieg lauerte schließlich hinter jeder Ecke, und in ein paar Jahren hätten wir uns sicherlich mit all den Atomwaffen zu Tode gebombt. Oder stünden kurz davor.
Mich hat diese Aussage tiefgetroffen. Als Kind hatte ich ständig Albträume von Fliegerangriffen, weil uns in der Schule viel von der Bedrohung aus dem Westen erzählt wurde.
Und als der Erwachsene diese Sätze sagte, da dachte ich: Aber ich MÖCHTE Kinder in die Welt setzen! Und ich konnte mir nicht vorstellen, das aus Angst vor einer ungewissen Zukunft nicht zu tun. Und wenn es alle anderen für unverantwortlich hielten.
Heute habe ich Kinder. Ich habe sie voller Hoffnung in eine Welt hinein geboren, die - wie zu allen Zeiten seit der Vertreibung aus dem Garten Eden - voller Gefahren, aber auch voller Wunder ist.
In meiner Kindheit und Jugend haben mich das Ozonloch und der Krieg in Jugoslawien bedroht. 9/11 und Naturkatastrophen in mehr oder weniger fernen Ländern.
Meine Kinder hören von Attentaten und dem Klimawandel in neuen Formen.
Aber sie hören nicht nur, was die Lehrer und die Nachbarn darüber sagen, so wie das bei mir der Fall war. Sie hören, was die ganze Welt denkt. Es zwitschert und newsflasht ihnen täglich um die Ohren, von Donald Trump und Hans Müller und Greta und aus dem Account des liebsten Insta-Stars.
War es ein Fehler von mir, kleine Menschen in diese verrückte Welt hinein zu setzen?
Ich bin sicher, dass der ein oder andere dazu ein lautes "Ja!" sagen würde. Ich wähle für mich ein klares "Nein.".
Wenn man der Bibel Glauben schenkt, dann hatte die Menschheit von dem Zeitpunkt an, an dem sie sich dazu entschied, Gott nicht vollends vertrauen und gehorchen zu wollen, ein Problem mit Mord, Totschlag und Umweltkatastrophen.
Und trotzdem hatte jede Generation - sogar jeder einzelne Mensch! - immer die Wahl, eine Entscheidung zu treffen. Die Entscheidung, ob er Gott vertrauen und sich ihm gegenüber bewusst verantworten möchte, oder ob er nur sich selbst und den eigenen Prinzipien lebt.
Na klar, ich weiß, dass im Namen verschiedener Gottheiten schlimmste Dinge begangen wurden und werden. Aber eben nur dann, wenn diese für die eigenen Zwecke missbraucht werden.
Wem legst du Rechenschaft ab? Dir selbst und deinem Gewissen? Dem Staat? Deinen Freunden auf Facebook und Followern auf Twitter?
Es ist kompliziert.
Noch komplizierter, den eigenen Kindern beizubringen, in dieser Welt mit ihren verschwimmenden und doch scharf umkämpften Grenzen Verantwortung zu übernehmen und Lebensmut zu haben.
Ich empfinde es als meine Aufgabe, mich nicht im Äußern einer bestimmten Meinung zu verlieren. Ich möchte so leben, dass ich einen positiven Beitrag zum Umweltschutz und zur gesellschaftlichen Lage leiste.
Ach, wie hochtrabend das klingt.
Und wie klein, aber trotzdem wichtig, die Schritte sind.
Unser Familienklima ist der Anfang für meine Kinder. Zuhause lernen sie, respektvoll miteinander umzugehen - wenn wir es schaffen, das mit ihnen gemeinsam zu leben. Zuhause, und nicht bei den "Fridays for future" lernen sie, plastikarm und halbwegs regional einzukaufen.
Es ist eine riesige Verantwortung, auf die wir uns eingelassen haben, mein Mann und ich, als wir uns entschieden, Kinder in diese Welt zu setzen.
Manchmal fühle ich mich hilflos und denke, dass ich dieser Verantwortung nicht gerecht werde.
Und dann wiederum sehe ich, dass jeder Mensch ein Teil dieser großen, verrückten Welt ist, und dass das, was ich beitrage nur ein kleines Puzzelteil ist. Ich sehe, dass jeder Mensch in der Lage ist, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen, wenn er dazu bereit ist. Und dass jeder von uns täglich die Gelegenheit hat, das Klima ein bisschen zu verändern - das zwischenmenschliche und das himmelerdige und das der Umwelt.
Zum Guten, natürlich!

Montag, 1. Juli 2019

Motzmäßige Ferienstimmung

Sommerferien!
Endlich - ausschlafen, den ganzen Tag im Schwimmbad verbringen, gute Laune.
Ähm... fast.
Die Realität hat leider ein paar kleine Haken. Zum Beispiel, dass die Eltern noch arbeiten müssen, während die Kinder frei haben. Kein Problem bei Schulkindern, die dank Berliner Fereinpass tatsächlich den ganzen Tag im Schwimmbad verbringen können. Aber da wäre ja noch die kleine Schwester, deren Kita ebenfalls Schließzeit hat, und die noch kein Seepferdchen hat. Und dann das Wetter. Zwar schön heiß, von Zeit zu Zeit, aber doch nicht täglich.
Also hängen sechs Kinder diversen Alters zuhause rum und ... (zocken) ... verbringen ihren Tag eben so, wie Kinder gern ihre Tage verbringen. Mit wenigtun, streiten, lesen, spielen, (zocken).
Mama kommt aus dem Büro und rauft sich die Haare. Sieht denn keiner außer mir, dass die Wohnung einem Schlachtfeld ähnelt?
Könnte vielleicht bitte mal ein Kind auf die Idee kommen, den Tisch abzuwischen oder sogar einen Staubsauger zu benutzen, da des Sommers auch gern mal Ameisen auf Nahrungssuche über den Balkon in Wohnungen einmarschieren?
Natürlich, als WIR noch Kinder waren...! Da hätten wir das auf jeden Fall von ganz allein gemacht. Tja, vielleicht, weil es sonst einen Riesenärger gegeben hätte. Aber so ganz von allein Arbeit sehen? Das ist wahrscheinlich nicht unbedingt Kinderart. Zwar wünsche ich mir das als Mutter. Ich bin so daran gewöhnt, ständig irgendwo Ordnung zu schaffen, dass ich davon ausgehe, es müsste jeder einen Drang dazu haben. Außerdem sagt mir mein innerer Mama-Anspruch, dass gut erzogene Kinder von selbst Ordnung schaffen und im Haushalt helfen. Autsch, da hab ich wohl versagt.
Die natürliche Reaktion, die sich bei mir in solchen Situationen einstellt ist, leider: motzen.
"Maaaann, sagt mal, fällt euch denn nicht auf, wie es hier aussieht? Muss ich immer alles alleine machen...?!" Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich zur Motzmutter werde. Hebt die Familienstimmung nicht wirklich.
Also, was tun?
Zunächst mache ich mir mal wieder bewusst, dass unsere Kinder noch Kinder sind. Kinder interessieren sich von Natur aus eher weniger für Krümel oder Wäscheberge. Sie sind aber hilfsbereit, wenn sie denn wissen, wo sie etwas Gutes tun können. Und Kinder spielen gern.
Statt mich also über meine faulen Kinder aufzuregen, oder über mich, weil ich es versäumt habe, ihnen beizubringen, dass Ordnung das halbe Leben ist, entwickle ich schnell ein Spiel.
Das Spiel besteht aus einer Tür, Klebezetteln und einem Kreidestift.
Mit dem Stift schreibe ich die Namen aller Familienglieder an die Tür, welche in acht Felder aufgeteilt ist.
Auf die Klebezettel schreibe ich alle Aufgaben im Haushalt, die mir einfallen. Ein paar Klebezettel bekommen auch Spiel- und Bastelideen für Langeweile-Zeiten.
Die Aufgabenzettel klebe ich allesamt auf die Namensfelder von mir und meinem Mann.
Dann erkläre ich den Kids das "Spiel": Alle Aufgaben kleben bei Mama und Papa - denn wir müssen sie erledigen, wenn es sonst keiner macht. Aber - hey! - jedes Kind kann sich Aufgaben aussuchen, die es gern machen würde, wann immer es Lust dazu hat. Ist eine Aufgabe erledigt klebt das Kind den Zettel in sein Feld.
Selbstbestimmt arbeiten soll ja schließlich besser funktionieren als aufgedrückte Pflichten.
Und siehe da: als ich das nächste Mal aus dem Büro komme hat sich das Spielfeld schon verändert. Und die Kinderzimmer erstrahlen in neuem Glanz.
Ganz ohne Motzen.
Jetzt muss ich nur noch das Interesse am Spiel über die nächsten fünf Wochen wach halten... ;)

Ausgangslage

Es gibt viel zu tun!

Sogar Klos wurden freiwillig geputzt :)


Sonntag, 21. April 2019

Ostern am See

Und während ich so am See sitze und den Blick schweifen lasse, an diesem sonnigen Ostersonntag, frage ich mich: Was wäre, wenn Jesus jetzt über das Wasser auf mich zu käme? Was, wenn er sagen würde: “Hallo, ich bin's, Jesus. Lass uns zusammen Ostern feiern!” Würde ich glauben, dass er es ist? Würde ich ihn erkennen?

Es ist leicht, diese Theorie vom ewigen Leben toll zu finden, um die es zu Ostern geht. So ein tröstlicher Gedanke, dass nach dem Tod noch etwas kommt. Was für eine schöne, bewegende, unglaubliche Geschichte, diese biblischen Berichte von der Auferstehung Jesu Christi!

Aber wie ernsthaft glaube ich, dass sie tatsächlich wahr ist? Kein Märchen, keine Legende, keine fromme Wunschvorstellung, sondern die Wahrheit?!

Ich glaube das tatsächlich. Auch wenn keiner es beweisen kann - zwar würden die vielen Augenzeugenberichte bestimmt ausreichen, wenn es um einen Fall vor Gericht ginge. Aber beweisen kann heute keiner mehr, dass Jesus wirklich von den Toten auferstanden ist. Den Beweis, dass die Geschichte wahr ist, bekommen wir erst, wenn wir selber tot sind. Wow, das wird ziemlich beeindruckend sein.

Bis dahin begnüge ich mich damit, dass ich Jesus Christus durch Gottes Wort und durch meine Erlebnisse mit ihm jeden Tag besser kennenlernen kann. Freue mich über die Berichte in der Bibel, von den Freunden Jesu, auf die er nach seiner Auferstehung am Seeufer wartete, um mit ihnen zu reden und zu frühstücken.

Und genieße mein Leben mit ihm - wenn auch mit Augen nicht sichtbar - an meiner Seite, bis ich ihm einmal gegenüberstehe, in diesem ewigen Leben, das er jedem verspricht, der ihm vertraut.

Freitag, 19. April 2019

Nachruf auf Jesus Christus

Nachruf auf Jesus Christus
von Anni E. Lindner

Am Karfreitag verstarb unser Freund und Bruder, Jesus Christus von Nazareth .

Auf einzigartige Weise vom Heiligen Geist empfangen (Lukas 1,35), überraschte der junge Jesus schon als Baby die Menschen in Israel. Er kam während der von Herodes verordneten Volkszählung in Bethlehem zur Welt, wo sich seine Mutter aufgrund der davidischen Abstammung von Ziehvater Josef aufhielt (Lukas 2,7).
Seine frühe Kindheit verbrachte Jesus als Flüchtlingskind in Ägypten (Matthäus 2,13). Die Eltern, Maria und Josef, hatten auf Anweisung eines Engels in diesem Land Schutz vor Herodes gesucht, da dieser die Absicht hegte, ihn bereits als Neugeborenen zu töten.
Ursache hierfür war der Besuch von Weisen aus dem Morgenland, die ihn Herodes gegenüber als “neugeborenen König der Juden” bezeichneten (Matthäus 2,2) .
Nach der Rückkehr seiner Familie nach Nazareth (Galiläa) zeigte Jesus bereits früh ein starkes religiöses Interesse. Als Zwölfjähriger verweilte er im Rahmen einer Pilgerreise im Tempel, wo er fundierte Gespräche mit den Gelehrten führte (Lukas 2,46).
Mit etwa dreißig Jahren trat der gelernte Zimmermann erneut in den Fokus der Öffentlichkeit.
Er ließ sich von Johannes dem Täufer im Jordan taufen. Augenzeugen berichten, dass der Heilige Geist in Form einer Taube auf ihn herab gefahren sei und eine Stimme aus dem Himmel ihn als “geliebten Sohn” bezeichnet habe (Markus 1,9-11).
An seine Taufe anschließend verbrachte Jesus von Nazareth vierzig Tage fastend in der Wüste (Markus 1,13).
In den folgenden beiden Jahren machte er sich einen Namen als Wundertäter und Wanderprediger. Seine Krankenheilungen, Dämonenaustreibungen und sogar Totenauferweckungen zogen unzählige Menschen an. Zudem sprach er bildgewaltig und vollmächtig von Gott, was Menschen dazu brachte, ihm in Scharen zu folgen.
Jesus von Nazareth bemühte sich intensiv um Randgruppen der Gesellschaft. Er betonte stets, dass er sich bewusst für gesellschaftlich Schwache sowie religiös Unzulängliche einsetzen wolle, da die “Gesunden” keinen “Arzt” brauchen (Lukas 5,31).
In seiner Funktion als Wanderprediger und Rabbi hatte Jesus von Nazareth einen festen Stamm von zwölf Jüngern, die er selbst als seine Schüler auswählte (Lukas 6,12-16). Auch einige Frauen zählten zu seinem engsten Freundeskreis.
Aufgrund seiner Wundertaten und der zuweilen provokanten Kommunikation mit Pharisäern und Schriftgelehrten wurde Jesus von Nazareth zu einer Person des öffentlichen Interesses.
Neben unzähligen Anhängern machte er sich durch sein ungeheucheltes, vollmächtiges Handeln und Auftreten leider auch entschlossene Feinde.
Besonders die unter den Augenzeugen kursierenden Gerüchte, er sei Gottes Sohn und der verheißene Messias, führten letztlich zu seiner Verhaftung am Abend des Passahfestes.
Einer seiner engsten Freunde, Judas Iskariot, gab den Hohepriestern den entscheidenden Hinweis zu seinem Aufenthaltsort (Markus 14,10).
Obwohl er von der Unschuld des Jesus von Nazareth überzeugt war, gab Pontius Pilatus als verantwortlicher römischer Herrscher dem Druck der Feinde Jesu nach und genehmigte dessen Hinrichtung (Matthäus 27,22-26).

Jesus von Nazareth, auch unter dem Titel “Jesus Christus” bekannt, starb nach heftiger Folter und Verspottung den Kreuzestod eines Verbrechers (Matthäus 27,50).

Wir behalten ihn als mitfühlenden Freund, beeindruckenden Wundertäter und vollmächtigen Lehrer in Erinnerung.
Seine Großzügigkeit und Liebe sowie die überraschend klaren Einblicke in das Reich und Wort Gottes sind unvergesslich und werden von uns schmerzlich vermisst werden.
Die Angehörigen und engsten Freunde sind davon noch immer überzeugt, den anderen Hinterbliebenen und Anhängern stellt sich jedoch nach seinem tragischen Tod die Frage:
War Jesus Christus von Nazareth wirklich Gottes Sohn?
 

Montag, 1. Oktober 2018

Ich will deinen Esel!

[Achtung: Dieser Artikel könnte Spuren von Ironie enthalten!]

Die Welt geht den Bach runter.
Es ist ganz klar: die Zeiten sind so schlimm wie noch nie; die Jugend verblödet, die Menschlichkeit geht flöten und ganz besonders wir Deutschen werden von unserer Regierung unfassbar ungerecht behandelt.

Montag, 27. August 2018

Loslassen und vertrauen

Loslassen und vertrauen. Eigentlich habe ich ja Übung darin. Trotzdem gibt es Tage, die mich neu herausfordernden. Heute zum Beispiel! Am Samstag wurde Kind Nummer 5 eingeschult. Heute Morgen lag es im Bett und konstatierte hartnäckig: “Ich gehe nicht in die Schule! Ich will nicht rechnen und lesen, das ist blöd.” Aha. So früh hatten wir das bei noch keinem Kind, aber gut. Schulpflicht ist ja zum Glück kein Wunschkonzert, also wurde das wenig begeisterte Kind zum Frühstück bewegt und ging schließlich in doch recht zuversichtlicher Stimmung zur Schule. Vor dem Klassenzimmer sammelten sich bereits aufgeregte Erstklässlereltern und ihre Kinder. Dazu gesellten sich die größeren Kinder, da die Klasse im JüL-System (Klassenstufe 1-3 gemeinsam in einer Lerngruppe) lernt. Beim Stundenklingeln waren alle da - bis auf die Lehrerin. Vor allen anderen Klassenräumen begrüßten sonnenumstrahlte Lehrerinnen mit herzlichem Lächeln ihre neuen Schüler. Indes bei uns: eine verschlossene braune Tür und besorgte Gesichter. 
Normalerweise lasse ich mich von so etwas nicht aus der Ruhe bringen, aber heute hatte ich Zeitdruck. Schließlich wartete Kind Nummer zwei mit gepacktem Koffer am S-Bahnhof auf mich. Der Plan war simpel: Ich bringe Kind Nummer drei bis fünf zur Schule. Diese beginnt um 8 Uhr, also kann ich spätestens um 8.10 Uhr am S-Bahnhof sein und Kind Nummer zwei zum Treffpunkt für die Klassenfahrt bringen.
Um 8.08 Uhr war mir klar, dass ich gehen musste. Kind Nummer 5 ist normalerweise sehr verständnisvoll und mutig, klammerte sich aber trotzdem an mir fest. “Es tut mir echt Leid, aber ich muss jetzt los. Dieser Papa hier passt mit auf dich auf, okay?” Es ist nicht gerade das schönste Gefühl der Welt, das Kind am ersten Schultag in einer Menge fremder Menschen stehen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass die zuständige Lehrkraft irgendwann vielleicht noch auftaucht. Aber ich konnte ihn ja schlecht wieder mitnehmen. Wie gut, dass ich schon ein wenig Schulerfahrung habe. Auf die weitere Entwicklung der Geschichte bin ich dennoch gespannt. Der Kleine wird sie mir heute Nachmittag erzählen.
Kind Nummer zwei kam mir am S-Bahnhof schon mit vorwurfsvollem Blick entgegen. “Ich warte hier schon ewig!” Wir hatten trotzdem noch eine halbe Stunde Zeit, um die zwei Stationen bis zum Treffpunkt zur Klassenfahrt zu bewältigen, aber seine Aufregung war verständlich. Wir sprinteten die Treppen zur eben einfahrenden S-Bahn hinauf und waren unterwegs. Am Zielbahnhof hatte sich schon eine kleine Herde versammelt. Meine Gefühlsachterbahn rauschte um die nächste Kurve. Klassenfahrten sind toll - ich weiß, dass die Kids es jedes Mal genießen, nur unter ihresgleichen zu sein. Aber da ist auch noch der Faktor Gefahr. Mir ist schon klar, dass es den Lehrkräften ein Anliegen ist, alle Kinder heil wieder nach hause zu bringen. Trotzdem weiß ich, dass die Klasse in einer felsigen Gegend unterwegs sein wird, wo es Abgründe und verlockende Kletterfelsen gibt. Also muss ich vertrauen, dass der Übermut der Kids sich in gesunden Grenzen hält. Schließlich sind Teenager nicht die rationalsten Wesen.  
Tief durchatmen. Das Kind mit einem lässigen “High Five” verabschieden (weil umarmen und durch die Haare wuscheln zu uncool geworden sind). Lächeln, umdrehen und verschwinden.
An solchen Tagen bin ich ganz besonders froh darüber, an Gott glauben zu können. Es gibt einfach unendlich viele Dinge, die ich nicht in der Hand habe. Ich kann mich um vieles kümmern, eine Menge planen und einige Gefahren im Voraus meiden. Aber es bleibt ein riesengroßer Teil meines Alltages, in dem ich einfach vertrauen muss.
Darauf, dass mein Schulkind gut betreut wird.
Darauf, dass dem Ausflügler kein Unfall passiert.
Darauf, dass es auch für die Sachen, die schief laufen, wieder eine neue Lösung gibt.
Ich bin froh, dass ich daran glauben kann: Alles, was ich nicht selber in der Hand habe, das hat Gott in der Hand. Er hat den Überblick, wo ich nur den nächsten Schritt sehe. Ihm vertraue ich, weil ich aus Erfahrung weiß, dass er es gut mit uns meint.

“Deshalb sorgt euch nicht um morgen - der nächste Tag wird für sich selber sorgen! Es ist doch genug, wenn jeder Tag seine eigenen Lasten hat.” Matthäus 6,34 (Die Bibel)





Montag, 6. August 2018

Bin ich schön?

Muss Spenden eigentlich weh tun? Blutspenden piekt ein bisschen, Geld spenden schmerzt, je nach Betrag, etwas mehr. Beides ist für mich trotzdem selbstverständlich. Bei dieser speziellen Spende, die heute für mich anstand, ging es aber um mehr: es ging um mein Selbstbewusstsein. Oder, anders gesagt, um meine Schönheit.
Es ist peinlich, das zuzugeben, aber seit meiner Teeniezeit macht mir das Thema Schönheit zu schaffen. Meine Figur lässt sich am ehesten mit dem Modell “Besenstil” vergleichen - nach sechs Schwangerschaften zeitweise auch “Klapperschlange mit verschlucker Antilope”. Als Jugendliche hörte ich von meiner Oma den Satz “Eine lange Dürre wird kommen”, von Klassenkameraden die Bezeichnung “BMW” (Brett mit Warzen). Dass ich kaum weibliche Rundungen aufweisen konnte wurde mir in meiner Familie immer gern scherzhaft vor Augen gehalten: meine Schwester hatte in dieser Beziehung schließlich deutlich die Nase vorn. Im Schulunterricht lernten wir dann auch, was ein schönes Gesicht ausmacht. Das Stichwort heißt “Kindchenschema”. Die Merkmale: große Augen, kleines Näschen. Super, genau das Gegenteil von mir!
Gibt es also etwas, das mich weiblich und schön macht?
Da wäre noch der Faktor Haare. Den kann ich immerhin selbst beeinflussen. Als ich ungefähr vierzehn Jahre alt war trug ich einen Kurzhaarschnitt, den ich ganz chic fand. Bis zu diesem Restaurantbesuch im Urlaub, bei dem die Kellnerin mich für meines Bruders großen Bruder hielt. Also wurden die Haare wieder länger.
Als ich mit zwanzig meinen Mann kennenlernte sah ich aus wie Yoko Ono, und das blieb auch so, bis zu einem Haarschneideunfall kurz vor unserer Hochzeit. Danach schwankte die Frisur über die Jahre zwischen lang und halblang.
Bis heute.
Heute habe ich ein Vorhaben in die Tat umgesetzt, das ich schon lange hatte. Meine Haare wurden radikal abgeschnitten, um als Haarspende für eine Kinderperücke zu dienen. Es war merkwürdig und irgendwie beschämend, wie schwer mir der Gedanke, mich von meinem seit 2012 wirklich langem Haar zu trennen, fiel.
Mein Mann liebt langes Haar und hat mir das immer wieder gern gesagt. Aber er liebt mich sowieso so, wie ich bin. Trotzdem: findet er mich auch mit einem Kurzhaarschnitt noch wirklich schön? Und wenn ich mir seiner Liebe - egal, wie ich aussehe - sicher bin: kann es mir dann nicht ganz egal sein, was Andere denken? Sollte mir das, als verheirateter Frau, nicht einfach egal sein?
Und zählen nicht sowieso die “inneren Werte” viel mehr?
Die Haarspende hat mir klar gemacht, dass ich mehr als mir lieb ist auf meine Außenwirkung bedacht bin. Gleichzeitig hat mich das aber nicht von der Spende abgehalten. Im Gegenteil: es hat mich sogar darin bestärkt, es zu tun. Weil ich überzeugt bin, dass Schönheit etwas anderes sein muss als eine gute Figur und schmeichelndes Haar - auch wenn ich leider wirklich gern etwas mehr Model fähig wäre. Ich glaube, dass es nicht meine “Bestimmung” ist, Menschen mit äußerlicher Schönheit zu beeindrucken (und ja, diese Erkenntnis tut trotzdem weh). Ich wünsche mir stattdessen, dass eine andere Art der Schönheit durch mein Wesen strahlt. Die Schönheit der Liebe Gottes, in dessen Augen jeder von uns wunderschön ist.