Gottes Wege sind ... überraschend.

Ich weiß nicht, wie es euch gerade mit der "Corona-Krise" geht.
Für mich fühlt es sich an wie Achterbahnfahren.

Im Januar erzählte mein ältester Sohn mir von einem neuartigen Virus, dass sich in China rasant ausbreitete. Ach, dachte ich damals, China ist weit weg. Das bekommen die bestimmt in den Griff.
Nach und nach wurde klar, dass die weltweite Vernetzung der Menschen für ein Virus seht praktisch ist. Es folgte die Corona-Witze-Phase... und dann die Schließung von Schulen und Kitas.
Für uns als Pastoren bedeutete das, die zweitgrößte Veranstaltung des Jahres abzusagen. Eigentlich wären in diesen drei Wochen vor Beginn der Osterferien zahlreiche Kitagruppen und Schulklassen von uns durch den Ostergarten geführt worden. Letztes Jahr waren es schon mehr als zweihundert Menschen in zwei Wochen. Für dieses Jahr hatte sich schon die Religionslehrerin einer Schule mit ihren Klassen angesagt, die 2019 noch allein "geschnuppert" hatte.
Statt den Ostergarten zu gestalten und Führungen zu machen beschäftigen mein Mann und ich uns also damit, wie wir die Gottesdienste live in die Wohnzimmer unserer Leute übertragen können. Rufen Menschen an, sind telefonisch für Seelsorge und Kummer verfügbar. Planen die Einsätze unsere mobilen Essensausgabe neu, weil sie jetzt noch stärker gefragt ist.
Unterrichten fünf Schulkinder zuhause und kämpfen uns durch den Email-Dschungel. Das Kitakind wuselt dazwischen herum und mutiert zum Vorschüler.
Von dem geplanten Umzug ganz zu schweigen - da fallen Schnuppertage an den neuen Schulen aus, auch das Mitarbeitergespräch mit unserem zukünftigen Team in Chemnitz musste abgesagt werden.
Aber das ist nicht alles. Diese Situation erlebt so ziemlich jeder in meinem Bekanntenkreis.
Wir müssen alle umdenken, uns anpassen, aufeinander Rücksicht nehmen und unseren Optimismus behalten.
Was wirklich emotional zur Achterbahnfahrt für mich wird ist noch etwas anderes.
Ich muss dazu ein wenig ausholen.
Direkt nach meinem Abitur (vor mittlerweile zweiundzwanzig Jahren!) habe ich eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen. Ich war damals ein sehr schüchternes Wesen und habe diese drei Jahre nicht in bester Erinnerung. Der Beruf an sich gefiel mir gut. Ich bin fasziniert vom menschlichen Körper und finde es schön, Menschen auf dem Weg zur Genesung zu unterstützen - oder auch auf dem letzten Weg zu begleiten (was ich in meinem jetztigen Beruf auch tue). Aber ich habe mich damals sehr unter Druck setzen lassen. Habe Kritik und meine eigenen Fahler sehr schwer genommen und mich oft sehr schlecht gefühlt. Dazu kamen Heimweh und Einsamkeit, weil ich nicht zuhause wohnen konnte und noch keinen Partner hatte. Nur nebenbei erwähnt ließen meine Eltern sich in dieser Zeit auch scheiden.
Viele schwierige Gefühle überlagern also in meiner Erinnerung die guten Erfahrungen, die ich in dem Beruf sammeln durfte.
Ich weiß noch, wie unglaublich erleichtert ich war, als ich meinen letzten Dienst auf Station absolviert hatte und mein Wohnheimzimmer räumen konnte.
Bei der Verleihung der Abschlusszeugnisse fragte die Leiterin der Berufsfachschule jeden Absolventen, was er ab jetzt tun würde. Ich war so unglaublich glücklich, dass ich sagen konnte: "Ich studiere jetzt Religionspädagogik und Gemeindediakonie!"
Mit diesem Glücksgefühl im Herzen verließ ich die Stadt meiner Albträume: Chemnitz.
Seitdem sind neunzehn Jahre vergangen. Ich habe ein weiteres Studium absolviert, durfte eine Familie gründen, in meiner Persönlichkeit wachsen, in verschiedenen Städten leben und einen Beruf ausüben, der bis in die Haarspitzen zu mir passt.
Aber in all den Jahren, ganz besonders im vergangenen halben Jahr, habe ich nachts immer wieder einen Traum geträumt, der mich unruhig aufwachen ließ.
Ich träumte wiederholt, dass ich ins Krankenhaus zurückkehre, um noch ein paar Schichten zu absolvieren, die mir noch fehlen. In diesen Träumen bin ich schon examinierte Krankenschwester, fühle mich aber noch als Schülerin. Weiß oft nicht, auf welcher Station ich wann zum Dienst erscheinen soll und finde die entsprechende Telefonnummer nicht.
Puh... Wie oft habe ich mich gefragt, warum ich das Kapitel "Krankenschwester" in meinem Leben noch nicht vollständig abschließen konnte.
Als wir im November 2019 erfuhren, dass wir als Heilsarmeeoffiziere nach Chemnitz versetzt werden dachte ich, dass das der Grund sein könnte. Chemnitz ist eben die Stadt, zu der ich diese seltsame Beziehung habe.
Und dann kam "Corona".
Mein Mann beobachtet die Fallzahlen und gibt mir täglich Bescheid, wie es in Berlin gerade aussieht. "Berlin bittet ehemaliges Pflegepersonal, sich freiwillig zum Dienst im Krankenhaus zu melden", sagte er eines Nachmittags zu mir.
Und ich wusste: jetzt muss ich es tun. Ich telefonierte mit meinem Arbeitgeber um zu erfahren, ob ich mich zur Verfügung stellen darf. Dann schrieb ich eine Mail. Bekam eine Antwort. Wurde angerufen und kramte mein Abschlusszeugnis hervor. Nun bin ich "rekrutiert". Ich, die schüchterne kleine Schwesternschülerin aus Chemnitz.
So empfinde ich mich auf einmal wieder, obwohl ich doch inzwischen Mutter bin, Pastorin und längst nicht mehr das junge Wesen vom Lande, das sich in die Stadt verirrt hat.
Aber die Krankenschwester in mir hat ja all die Jahre geruht und ist nur in kleinen Notfall- und Krankheitssituationen in Familie und Gemeinde zum Einsatz gekommen.
Krankenhäuser habe ich nur als Besucherin, Seelsorgerin oder zu den Geburten meiner Kinder von innen gesehen - stets mit einem flauen Gefühl im Magen.
Und jetzt, wenige Wochen vor unserem Umzug nach Chemnitz, werde ich Schwesternkleidung anziehen. Immerhin, jetzt bin ich "Schwester Anni", statt "Schülerin Anni". Das ist beängstigend und schön zugleich.
Was Gott mir wohl in dieser völlig surrealen Situation beibringen möchte?
Ich bete jedenfalls, dass ich trotz der fehlenden Berufserfahrung Menschen hilfreich sein kann.
Bete, dass Covid-19 in seiner extremen Ausbreitung bald Geschichte ist und das Leben "ganz normal" weitergehen kann.
Aber jetzt ist jetzt, und dann ist dann.
Lasst uns alle mutig sein in dem, was Gott uns in diesen Tagen vor die Füße legt.
Seid gesegnet und bleibt gesund und neugierig auf Gottes unverhoffte Wege.







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