Diese asozialen Sachsen

Seit 2006 lebe ich im Ausland, an wechselnden Orten: Essen, Köln, West-Berlin.
Es brauchte vielerorts etwas Zeit, mich an die kulturellen Gegebenheiten anzupassen.
Verständigungsschwierigkeiten mussten überwunden und neue Bräuche erlernt werden. Es funktioniert aber recht gut. Zwar wurde ich, vor allem in den Jahren 2006-2014, in jedem Gespräch sofort als Ausländer erkannt. Aber mit den Jahren hat sich auch mein Akzent gelegt, und hier in West-Berlin falle ich mittlerweile gar nicht mehr so auf.

Ich bin und bleibe allerdings in meinem Herzen ein Sachse. Bin also, das gebe ich zu, einer dieser "Ossis".
Bis vor etwa drei Jahren war das nicht so problematisch. Na gut, es gab immer mal einen kleinen Seitenhieb. Leute belächelten meine Aussprache, aber das war immer scherzhaft gemeint. Und ich verstehe es ja auch: Sächsisch klingt einfach wirklich komisch wenn man nicht dort aufgewachsen ist. Kein Ding.
Mitte September fuhr ich mit dem Zug von Düsseldorf nach Berlin.
Im Abteil (es war übrigens das Ruheabteil) eine Gruppe Jugendlicher, die von einem Fußballspiel zurückkehrten.  Nach einer Weile, in denen ich ihren Unterhaltungen permanent folgen durfte, da sie in Klassenzimmerlautstärke geführt wurden, fing jemand an zu singen:
"Diese asozialen Sachsen...!"
"Psst!", zischte ein anderer. "Vielleicht ist hier im Abteil ja einer!"
Ich überlegte kurz, mich zu outen, verzichtete dann aber darauf - inkognito kann man Milieustudien besser durchführen.

Diese kleine Begebenheit im "real life" bildet ab, was im großen Stil in den sozialen Netzwerken abläuft.
Berechtigterweise greift eine mittelgroße Angst um sich. Diese begründet sich auf der Tatsache, dass eine wachsende Prozentzahl der Wähler im ehemaligen Ostdeutschland für Parteien stimmt, die eindeutig rechts anzusiedeln sind.
Wenn ich kurz vor den Wahlen durch meine Heimat fahre wird mir auch übel sowie Angst und Bange. Die Sprüche auf den Wahlplakaten sind mitunter Abscheu erregend und Menschen verachtend, oder auch nur voller Versprechen, die ganz sicher keiner halten kann. Es macht mich tief traurig, dass diese Schuldzuweisungen und falschen Versprechen offensichtlich Menschen in meiner Heimat ansprechen. Menschen, die aus verschiedenen Gründen frustriert sind, erhoffen sich eine Verbesserung ihres Lebens durch rechte Parteien. Entsetzlich. Haben sie denn vergessen, was unter der Regierung Hitlers passiert ist?

Die Reaktion von "Restdeutschland" (ich bitte, den Ausdruck zu entschuldigen) ist für mich nicht minder Besorgnis erregend.
"Wir sind mehr!"
"Die Ossis sind so dumm, die haben nichts aus der Geschichte gelernt."
"Der Osten soll wieder abgespalten werden, dann können die ihren rechten Staat alleine durchziehen."

"Wir sind mehr": Zum Glück! Ja! Sogar in Thüringen sind wir mehr - 66% sind mehr als 24%. Trotzdem ist das Ergebnis erschreckend und extrem alarmierend.
Ich finde es super wichtig, dass "die Anderen" Alarm schlagen, warnen, aufklären.

Aber.

Es wird nicht gelingen, die, die bereits rechts wählen, von ihren gefährlichen Hoffnungen abzubringen, indem wir sie beschimpfen und verunglimpfen.
Es hilft überhaupt nicht, dass alle Ossis pauschal als "dumm" und "nicht lernfähig" abgestempelt werden. Bitte, bitte, denkt darüber einmal nach. Das schürt nur Hass, Verachtung und den Drang, sich noch mehr zu separieren.
Es bestätigt all die unterschwelligen Gefühle, dass "der Osten" immer noch nicht wieder Teil des vereinten Deutschlands ist. Es gibt denen, die das sowieso schon so empfinden, Bestätigung: wir sind anders. Wir sind nicht gewollt.
"Die Geschichte", das ist für die Wähler von heute nicht vordergründig das Dritte Reich, sondern das, was danach passiert ist. Das hat die Menschen geprägt. Auch das, was seit 1989 geschehen ist.
Ich habe sehr viele unterschiedliche Stimmen über die Wendezeit gehört. Und es bereitet mir körperliche Schmerzen zu sehen, wie Menschen aus Ost und West jetzt, nach dreißig Jahren, wieder so aufeinander losgehen.
In dieser Zeit sind unschöne Dinge auf beiden Seiten passiert.
Wir können nicht so tun, als wären diese Wunden verheilt, wenn sie es offensichtlich nicht sind.

Wenn ein Mensch krank ist und zum Arzt geht, dieser ihn aber nicht ernst nimmt, ihm nicht zuhört sondern nur sagt: Reiß dich zusammen, du hast keinen Grund zu jammern! - was wird er tun?
Er wird den Arzt wechseln und sich dort Hilfe suchen, wo ihm zugehört und Hilfe versprochen wird. Nicht selten bekommt er dann teure "Medikamene", die nicht helfen. Er wird ausgenutzt und ruiniert seine Gesundheit mit unwirksamen Mitteln.
Aber er nimmt sie - egal, wie viel ihm andere über deren Unwirksamkeit und seine Dummheit erzählen. Denn er fühlt sich krank, und dieser Arzt hat ihm Hilfe versprochen.

Irgendetwas bereitet den Menschen, die extremistische Parteien wählen, große Beschwerden.
Ignorieren wir sie? Drücken wir sie nieder? Zeigen wir, dass wir besser und gesünder sind?

Versteht mich nicht falsch. Aufklärung ist wichtig. Bitte, macht weiter damit.

Aber ich habe noch einen anderen Vorschlag. Einen für ganz Mutige, die wirklich etwas bewegen wollen.
Wie wäre es, wenn ihr einmal in den Osten fahrt und euch dort wertschätzend mit Menschen unterhaltet?
Liebe politisch Engagierte: macht doch Befragungen, nehmt euch doch Zeit, zuzuhören. Erklärt die Lösungsvorschläge der nicht-extremistischen Parteien in Worten, die auch "dumme" Menschen verstehen.
Oder, noch besser: Zieht in den Osten um. Arbeitet dort, lebt mit den Menschen, werdet Nachbarn und wählt  Parteien, die ganz Deutschland gut tun.

Vor allem aber: versuchen wir doch alle, Verachtung mit Achtung zu begegnen, Unverständnis mit Verständnis.

Da hatte schon Paulus, der aus der Bibel, eine gute Idee:
"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." (Römer 12,21)

Was ist dein erster praktischer Schritt in diese Richtung?






Liebe deinen Nächsten - besonders, wenn er das Falsche wählt.

Kommentare

  1. Liebe Anni, in der Cafearbeit im Café Treffpunkt erleben wir genau solche Situationen das Menschen aus den unterschiedlichen Gründen sagen sie wollen die DDR zurück weil es ihnen da gut ging und sie sich angenommen gefühlt haben. Ich selber bin in der ehemaligen DDR groß geworden und wahr mit einigen Dingen überhaupt nicht einverstanden, aber man hat meistens nichts gesagt weil man nicht anecken wollte. Ich bin dankbar das es die Wende gegeben hat und kann nur hoffen das es uns Christen gelingt den Unterschied zu machen. Es ist wichtig das man die Menschen mitnimmt und nicht mit ihren Problemen alleine lässt.
    Liebe Grüße Andrea

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