Montag, 27. August 2018

Loslassen und vertrauen

Loslassen und vertrauen. Eigentlich habe ich ja Übung darin. Trotzdem gibt es Tage, die mich neu herausfordernden. Heute zum Beispiel! Am Samstag wurde Kind Nummer 5 eingeschult. Heute Morgen lag es im Bett und konstatierte hartnäckig: “Ich gehe nicht in die Schule! Ich will nicht rechnen und lesen, das ist blöd.” Aha. So früh hatten wir das bei noch keinem Kind, aber gut. Schulpflicht ist ja zum Glück kein Wunschkonzert, also wurde das wenig begeisterte Kind zum Frühstück bewegt und ging schließlich in doch recht zuversichtlicher Stimmung zur Schule. Vor dem Klassenzimmer sammelten sich bereits aufgeregte Erstklässlereltern und ihre Kinder. Dazu gesellten sich die größeren Kinder, da die Klasse im JüL-System (Klassenstufe 1-3 gemeinsam in einer Lerngruppe) lernt. Beim Stundenklingeln waren alle da - bis auf die Lehrerin. Vor allen anderen Klassenräumen begrüßten sonnenumstrahlte Lehrerinnen mit herzlichem Lächeln ihre neuen Schüler. Indes bei uns: eine verschlossene braune Tür und besorgte Gesichter. 
Normalerweise lasse ich mich von so etwas nicht aus der Ruhe bringen, aber heute hatte ich Zeitdruck. Schließlich wartete Kind Nummer zwei mit gepacktem Koffer am S-Bahnhof auf mich. Der Plan war simpel: Ich bringe Kind Nummer drei bis fünf zur Schule. Diese beginnt um 8 Uhr, also kann ich spätestens um 8.10 Uhr am S-Bahnhof sein und Kind Nummer zwei zum Treffpunkt für die Klassenfahrt bringen.
Um 8.08 Uhr war mir klar, dass ich gehen musste. Kind Nummer 5 ist normalerweise sehr verständnisvoll und mutig, klammerte sich aber trotzdem an mir fest. “Es tut mir echt Leid, aber ich muss jetzt los. Dieser Papa hier passt mit auf dich auf, okay?” Es ist nicht gerade das schönste Gefühl der Welt, das Kind am ersten Schultag in einer Menge fremder Menschen stehen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass die zuständige Lehrkraft irgendwann vielleicht noch auftaucht. Aber ich konnte ihn ja schlecht wieder mitnehmen. Wie gut, dass ich schon ein wenig Schulerfahrung habe. Auf die weitere Entwicklung der Geschichte bin ich dennoch gespannt. Der Kleine wird sie mir heute Nachmittag erzählen.
Kind Nummer zwei kam mir am S-Bahnhof schon mit vorwurfsvollem Blick entgegen. “Ich warte hier schon ewig!” Wir hatten trotzdem noch eine halbe Stunde Zeit, um die zwei Stationen bis zum Treffpunkt zur Klassenfahrt zu bewältigen, aber seine Aufregung war verständlich. Wir sprinteten die Treppen zur eben einfahrenden S-Bahn hinauf und waren unterwegs. Am Zielbahnhof hatte sich schon eine kleine Herde versammelt. Meine Gefühlsachterbahn rauschte um die nächste Kurve. Klassenfahrten sind toll - ich weiß, dass die Kids es jedes Mal genießen, nur unter ihresgleichen zu sein. Aber da ist auch noch der Faktor Gefahr. Mir ist schon klar, dass es den Lehrkräften ein Anliegen ist, alle Kinder heil wieder nach hause zu bringen. Trotzdem weiß ich, dass die Klasse in einer felsigen Gegend unterwegs sein wird, wo es Abgründe und verlockende Kletterfelsen gibt. Also muss ich vertrauen, dass der Übermut der Kids sich in gesunden Grenzen hält. Schließlich sind Teenager nicht die rationalsten Wesen.  
Tief durchatmen. Das Kind mit einem lässigen “High Five” verabschieden (weil umarmen und durch die Haare wuscheln zu uncool geworden sind). Lächeln, umdrehen und verschwinden.
An solchen Tagen bin ich ganz besonders froh darüber, an Gott glauben zu können. Es gibt einfach unendlich viele Dinge, die ich nicht in der Hand habe. Ich kann mich um vieles kümmern, eine Menge planen und einige Gefahren im Voraus meiden. Aber es bleibt ein riesengroßer Teil meines Alltages, in dem ich einfach vertrauen muss.
Darauf, dass mein Schulkind gut betreut wird.
Darauf, dass dem Ausflügler kein Unfall passiert.
Darauf, dass es auch für die Sachen, die schief laufen, wieder eine neue Lösung gibt.
Ich bin froh, dass ich daran glauben kann: Alles, was ich nicht selber in der Hand habe, das hat Gott in der Hand. Er hat den Überblick, wo ich nur den nächsten Schritt sehe. Ihm vertraue ich, weil ich aus Erfahrung weiß, dass er es gut mit uns meint.

“Deshalb sorgt euch nicht um morgen - der nächste Tag wird für sich selber sorgen! Es ist doch genug, wenn jeder Tag seine eigenen Lasten hat.” Matthäus 6,34 (Die Bibel)





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