Corona, der Glaube und wissenschaftliche Fakten

Ich habe schon mehrere Anläufe genommen, mich einmal schriftlich über Covid-19, Corona, "das Virus", "die Pandemie" oder "den Untergang der Demokratie im Allgemeinen" zu äußern.

Bisher habe ich mich immer wieder zurück gehalten, weil ich dachte: Die Aufregung wird sich legen und die Menschen verstehen, dass manchmal "Gemeinwohl über mein Wohl" gehen muss.

Aber jetzt, nach der ersten Verlängerung der Einschränkungen, scheint es noch schwieriger für uns Menschen zu werden, mit "Corona" umzugehen.

Ich möchte mit diesem Beitrag niemanden verurteilen. Jeder von uns hat seine Gründe, zu denken und zu handeln wie er es tut.
Für manche Menschen bedeutet die Pandemie eine wirtschaftliche Katastrophe. Für andere ist es herzzerreißend, dass sie ihre Angehörigen im Pflegeheim nicht besuchen dürfen.
Anderen fällt die Decke auf den Kopf, die Kinder sind anstrengend, die Partnerschaft angespannt, weil man so lange "aufeinander hockt".
Mancher sieht seine politischen Vorbehalte bestätigt und vermutet, das "die Regierung" uns übel mitspielt und hintergehen will.
Es gibt tausend Gründe, verzweifelt, frustriert und ängstlich zu sein.

Nach mehr als vier Wochen beträchtlicher Einschränkungen des sozialen Lebens ist noch keine sichtbare Katastrophe eingetreten.
Die meisten von uns fühlen sich immer noch fit und gesund.
Die Sonne scheint, es ist der schönste Frühling und auf unseren Straßen türmen sich keine Leichenberge.
Die wenigsten von uns haben einen Angehörigen an die unsichtbare Krankheit verloren, kaum einer von uns musste beatmet werden.
Die Krankenhäuser sind "leer", und das Gesundheitssystem keineswegs überlastet.

Statt glücklich über diesen Erfolg der Maßnahmen zu sein, sind die Menschen voller Unmut, misstrauisch und aggressiv.
Wo bleibt die "versprochene" Tragödie? Warum gibt es so wenige Todesopfer?
Da muss doch etwas faul sein an der Sache! Alle diese Einschränkungen, für nichts und wieder nichts?
Dass anderswo tausende Menschen sterben, liegt nur an den schlechten Gesundheitssystemen der anderen Länder.
Das könnte UNS doch nicht passieren.
Wirtschaft, Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung für den Einzelnen sind viel wichtiger als der Schutz von Menschen, die man ohnehin nicht persönlich kennt und sieht: Alte, Vorerkrankte... Die sterben doch sowieso an irgendwas.
Ohnehin sind die Zahlen alle gefälscht, die Tests getürkt und das Virus nicht schlimmer als eine normale Grippe.

Ich frage mich, wie die Menschen reagieren würden, wenn das Virus hoch gefährlich für kleine Kinder und gesunde Menschen bis vierzig wäre.
Wären diese schützenswerter?

Mal ehrlich: die Welt ist doch sowieso überbevölkert. Da kommt so eine Krankheit doch gerade Recht, um ein wenig Luft zu schaffen, oder?

Ich frage mich die ganze Zeit, ob wir Menschen wirklich so egoistisch sind, dass es uns egal ist, wenn wir mit unserem Verhalten Menschen gefährden, die für uns kein Gesicht haben.
Haben wir schon zu viele Dramen in den News gesehen? Terroranschläge und Morde: sie gehen uns nur noch unter die Haut, wenn sie in unserer Nähe geschehen und Menschen getroffen haben, an deren Stelle wir selbst hätten sein können.
Hat es Personen getroffen, die einer anderen Ethnie angehörten oder sich irgendwo aufhielten, wo wir nie hingehen: egal.  Schlimm, aber nicht direkt für uns bedrohlich.

Vielleicht kann unser Gehirn nur mit Verleugnung reagieren, solange wir eine Sache nicht tatsächlich mit eigenen Augen sehen.
Zuviele Schreckensszenarien fliegen uns täglich virtuell um die Köpfe.
Was ich nicht mit eigenen Augen sehe, das gibt es nicht.
Ein Virus, der mir persönlich wahrscheinlich nur ein paar Tage Unwohlsein beschert kann es nicht wert sein, dass ich meine Lebensqualität und das Gefühl von Freiheit für einige Zeit aufgeben muss.

Es ist beinahe ein biblisches Phänomen.
Ihr kennt bestimmt die Begebenheit aus Johannes 20. Der Jünger Thomas war nicht dabei, als Jesus sich zum ersten Mal nach seiner Auferstehung den Jüngern zeigte. Sie erzählten ihm, dass Jesus lebt, aber er glaubte ihnen nicht. Später kam Jesus auch zu ihm und ließ sich von Thomas berühren. "Du glaubst, weil du mich siehst", sagt Jesus zu ihm. "Glücklich sind die, die nicht sehen, und trotzdem glauben."
DAS war ein schönes Ereignis. Es gilt aber auch für schlechte. Und für solche, die wahrscheinlich eingetreten WÄREN, es dann aber doch nicht passierte, weil jemand klug im Voraus reagierte. Siehe die Geschichte von Jona und Ninive. Jona war darüber übrigens ebenfalls not amused, dass die Katastrophe, die er ankündigen sollte, ausblieb.
Die Leute von Ninive schon.

Ich bin es gewohnt, dass Leute meinen Glaube an Gott nicht ganz ernst nehmen und wenig nachvollziehen können, dass ich der Überzeugung bin, Gott sei real und in unserer Welt am Werk. Oft genug hatte ich Gesprächspartner, die nur "wissenschaftlichen Fakten" Glauben schenken wollen.
Das verstehe ich.
Umso mehr verwundert es mich, dass wissenschaftlichen Fakten im Falle von Covid-19 kein Glaube geschenkt wird.
Und zwar anscheinend deshalb, weil man diese wissenschaftlichen Fakten ja nicht selbst erhoben hat. Also wird geschlussfolgert, dass jemand sämtliche Zahlen und Fakten fälscht.
Wir halten uns alle für Experten in Sachen Statistik und Virologie, weil wir ja schließlich alle googeln können.

Ihr wisst ja, wer googelt, der findet.
Und zwar das, was er finden will.

Ich habe den Eindruck, dass wir Menschen keinem mehr vertrauen - nur uns selbst. Bild dir deine Meinung: ja! Natürlich, das ist gut.
Aber bin ich wirklich in der Lage, all die unglaublich vielfältigen Informationen über eine Krankheit, die selbst erfahrene Virologen erst kennenlernen und erforschen, in den richtigen Zusammenhang zu bringen und eine Reaktionsweise daraus abzuleiten, die für mich UND die Menschen um mich herum die richtige ist?

Ganz ehrlich.
Vielleicht bin ich unendlich naiv und lasse mich jetzt gerade durch mein Vertrauen und meinen "bürgerlichen Gehorsam" in eine politische Falle locken.
Vielleicht wache ich eines Tages auf und denke: ich hätte mich nicht manipulieren lassen dürfen.

Aber bisher sehe ich persönlich keine greifbaren, haltbaren Hinweise auf eine solche Verschwörung und Manipulation. Ich weiß, dass ich sie finden könnte.
Aber ich sehe im Moment eine Welt, die mit einem Virus kämpft, dass in dieser Form neu ist - auch wenn es viele Verwandte hat, von deren Wirkung wir lernen können.
Wir machen gerade unsere Erfahrungen damit.
Manche Reaktionen werden sich als richtig erweisen, manche als übertrieben. Manche vielleicht sogar als falsch.
Ich bin kein Virologe, nicht einmal Arzt.
Ich habe nur eine medizinische Ausbildung, die mich mit den Grundlagen des menschlichen Körpers und verschiedenen Erkrankungen vertraut gemacht hat.
Für mich mit meinem begrenzten Fachwissen machen die Maßnahmen der Eindämmung des Virus Sinn.
Ich möchte gern dazu beitragen, dass ältere Menschen, die ich kenne, einen angenehmeren Tod sterben dürfen als den durch eine beidseitige Lungenetzündung.
Mir liegt es am Herzen meine Freunde, die eine Chemotherapie hinter sich haben und glücklich darüber sind, den Krebs besiegt zu haben, vor einem Virus geschützt werden, das für sie gefährlich ist.
Ich kenne Menschen, die transplantierte Organe haben - einer dieser Menschen ist so alt wie mein Sohn. Ich weiß, dass ein künstlich supprimiertes Immunsystem dem Virus wenig entgegen zu setzen hat.

Und deshalb möchte ich es aushalten, dass ich meine Kinder zuhause beschulen und bespaßen soll, statt sie noch ein paar Wochen mit ihren Freunden glücklich sein zu lassen bevor wir umziehen.
Deshalb verzichte ich auf unseren Familienurlaub in der Natur, den wir letzte Woche gehabt hätten. Und ich vermisse die Natur unendlich, das kann ich als in die Großstadt verbanntes, ehemaliges Dorfkind euch sagen.

Mir ist bewusst, dass die Konsequenzen der Corona-Schutzmaßnahmen andere Menschen deutlich schlimmer treffen als mich, und ich hoffe, dass für diese Menschen gute Lösungen gefunden werden.

Aber wir "Normalos", die sich nur ein bisschen einschränken müssen: wir können das doch tun, aus Rücksicht auf Schwächere - selbst wenn wir dann damit leben müssen, dass die vorhergesehene Überlastung des Gesundheitssystems ausfällt, oder?
Ich wünsche es mir und meinen ehemaligen Kollegen in den Krankenhäusern.

Ich wünsche uns wache Augen und Ohren für echte Missstände.
Aber auch Besonnenheit und Demut, um zu unterscheiden, wo wir uns in unserer Urteilsfähigkeit überschätzen.

Mein Schreiben ist nicht der Weisheit letzter Schluss - aber ein Appell an die Nächstenliebe. Wir sind zusammen in dieser verrückten Zeit.

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Anmerkung: Ich habe Sätze, die ich überspitzt und sarkastisch ausgedrückt habe, kursiv gesetzt, damit Missverständnissen vorgebeugt wird.









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