Mein liebes Kind, ...

... du bist so anders als ich.
Ich wusste nicht, wie schwer das sein kann.

Natürlich war mir von Anfang an klar, dass du etwas Besonderes bist.
Je älter du wurdest, desto mehr Facetten deiner Begabungen kamen zum Vorschein. Deine Art zu sprechen, dich zu bewegen, deine Gefühle auszudrücken - alles das macht dich einmalig. Natürlich war mir bewusst, dass du mehr bist als eine Mischung aus Papa und mir. Am Anfang ertappten wir uns oft dabei zu sagen: "Das hat es von dir!" Bekannte schauten dich an und meinten, du wärst mir wie aus dem Gesicht geschnitten (andere Bekannte sahen "ganz den Papa" in dir). Auch heute denke ich oft: Oh, genau so war ich als Kind auch! Dann ist mein Herz ganz stolz und warm. Noch schöner ist es, zu entdecken, dass du manche Dinge sogar viel besser kannst als ich, damals.
Aber je älter du wirst, desto mehr zeigst du uns auch, dass du anders bist.
Dinge, die mir selbstverständlich sind, stellst du in Frage. Ich habe gelernt, ehrgeizig und fleißig zu sein. Ich dachte, das würdest du einfach übernehmen. Lernen durch Vorbild, so heißt es doch. Angeblich machen Kinder ihren Eltern alles nach.
Aber du bist ganz anders. Erfolg ist dir nicht wichtig. Du spielst eben gern. Was dir Spaß macht, das erledigst du schnell und mit Freude. Aber was dir unnötig erscheint lässt du einfach bleiben.
Wir versuchen, deine vermeintlichen Talente zu fördern - schließlich haben wir hier alle Möglichkeiten! Aber du hast deinen eigenen Kopf. Probierst dich aus und merkst, was dir gefällt, und was nicht. Ich sehe deine Stärken und ahne, was sich entwickeln könnte. Aber du siehst nur das Heute und hast keine Lust auf Anstrengung. 
Ach, wenn ich doch wüsste, was wirklich gut für dich ist.
Darf ich dich einfach sein lassen - frei und unbeschwert, ohne Druck und Stress? Oder wirst du mir irgendwann vorwerfen, ich hätte dich zu wenig ermutigt, deine Begabungen zu trainieren? 
Kann ich gelassen abwarten, ob dich irgendwann der Ehrgeiz packt, und dich bis dahin träumen und trödeln lassen, solange du willst?
Oder muss ich streng sein, dir Vorgaben machen und dafür sorgen, dass du Aufgaben schnell und diszipliniert erledigst?
Ist jetzt die Zeit für Freiraum und Fantasie, für Erholung nach der Schule? Für Erlebnisse, die du, auf dem Teppich liegend, mit Spielfiguren und Kuscheltieren hast? Oder müssen wir dafür sorgen, dass du in jeder freien Minute übst und lernst und Sport treibst?
Sollen wir dich fördern, damit aus dir "etwas werden" kann? Oder darfst du in aller Ruhe entdecken, wer du überhaupt werden möchtest?
Letztens, als wir wieder so eine Entscheidung treffen mussten, habe ich dich gefragt, was du tun willst, wenn du erwachsen bist.
"Keine Ahnung", hast du gemurmelt.
"Was würdest du denn in deiner Freizeit gern machen, wenn du es dir aussuchen kannst?"
Du wusstest, dass mir deine Antwort nicht gefallen würde, aber du hast es trotzdem gesagt. 
"Einfach nix."
Und ich weiß, was "nix" bedeutet.
Es bedeutet: Träumen, wenn dir danach zumute ist. Im Bett liegen und deine Spielzeuge auf abenteuerliche Missionen schicken. Tanzen, wenn irgendwo Musik zu hören ist. Malen, was dir in den Sinn kommt. Lesen, wenn du magst. Handstand probieren und Radschlagen, solange du eben Lust dazu hast.
"Von nix kommt nix", schrillen meine mütterlichen Alarmglocken.
Aber wer weiß, ob das stimmt?
Vielleicht brauchst du gerade das "Nix", um zu erspüren, welches "Etwas" in dir nach mehr verlangt. Und ich weiß, dann wirst du mich bitten, die richtige Unterstützung dafür zu bekommen.
Mein liebes Kind, ich danke dir für deine Geduld mit mir.
Weißt du, dieses Muttersein, das ist nicht gerade einfach. Ich weiß manchmal nicht, was ich machen soll. Ich atme jetzt tief durch, nehme mir ein Beispiel an dir und mache eine kleine Weile, solange ich es aushalte, einfach mal "nix".

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