Goodbye 2020

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal schreibe, aber: ich bin froh, wenn 2020 zu Ende ist. 

Nicht, dass ich mich der Illusion hingeben würde, dass dann alles wieder "normal" ist. Mir ist schon klar, dass Corona nicht an eine Jahreszahl gebunden ist. Aber wir haben die Angewohnheit, unser Leben in überschaubare Abschnitte zu gliedern. Für diese abgesteckten Strecken machen wir Pläne und träumen wir Träume. Und irgendwann kommt die Zeit, zu der wir einen bestimmten Bereich abschließen.

Ende Dezember ist für mich die Zeit, das zurückliegende Jahr "abzuhaken". Manchmal ist der Jahresrückblick einfach wunderschön. Jeder Monat hatte seine Höhepunkte. In manchen habe ich viel gelernt, in anderen viel gelacht. Manchmal ist es auch hart, auf das zu sehen, was sich ereignet hat. Über scheinbar verlorene Beziehung bin ich traurig. Manche Ziele habe ich nicht erreicht, und ich hadere mit dem, was nicht funktioniert hat.

2020 ist ein Jahr, das sich in das bunte Patchworkbild meines Lebens noch nicht so richtig einfügen will. Deshalb bin ich froh, es jetzt mit einem meiner Rückblicke, für die ich mir, seit ich ein Teenager war, immer Ende Dezember Zeit nehme, quasi "einnähen" zu können.

In diesem verrückten Jahr ist mir das besonders wichtig. Irgendwie ist alles so passiert. Plötzlich war "die neue Krankheit" nicht mehr nur in China, sondern einfach "da". Unsere Kinder kamen aus der Schule und brachen im Wohnungsflur in Tränen aus. "Unser Lehrer hat gesagt, dass nicht sicher ist, ob wir uns vor den Sommerferien noch wiedersehen." Eine Katastrophe für Kinder, denen ein Umzug in eine neue Stadt bevorsteht.

Das Homeschooling war eigentlich ganz schön. Ganz schön anstrengend und herausfordernd, vor allem. Aber es hat gut getan, einmal so viel Zeit mit den Kindern zu verbringen und sie beim Lernen zu begleiten - ein Privileg, das sonst die Lehrer genießen. Allerdings auch extrem stressig, wenn man "nebenbei" versucht zu arbeiten. Die innerliche Zerissenheit, wem man gerecht werden kann: der Familie? Der Arbeit? Keinem von beidem?

In diesen Zeiten auch noch Abschied zu nehmen von einer "Heimat", die sechs Jahre lang so vertraut und schön war - ach, es gelingt mir immer noch nicht, zu fassen, was das eigentlich in uns bewirkt hat. Ich glaube, es dauert noch eine Weile, das zu verarbeiten.

Immerhin machte Corona im Sommer eine kleine Pause. Das machte den Weg frei für sowas Ähnliches wie Normalität: die Kinder konnten ziemlich uneingeschränkt an den neuen Schulen starten, das Gemeindeleben fand "mit Präsenz" statt, und erste Beziehungen konnten neu geknüpft werden. Natürlich hieß es durchgehend, auf Abstände zu achten und Masken zu tragen, aber irgendwie schien alles wieder machbar.

Bis Oktober. Von da an ging alles von vorn los. Kein Sportverein mehr, Einschränkungen, Veranstaltungen absagen. Zweigleisig planen und dann doch das dritte Gleis wählen müssen. Ehrlich. Bis dahin dachte ich immer: Komm, ist alles nicht so schlimm. Da müssen wir jetzt durch, aber wird schon.

Aber irgendwann zehrt es doch extrem an den Kraftreserven, so viel Zeit in Arbeit zu investieren, die dann doch nicht zu einem sichtbaren Ergebnis kommt. Sich kaum auf eine Sache konzentrieren zu können, weil man "nebenbei" Kindern in Quarantäne bei den Hausaufgaben helfen darf. Niemanden umarmen zu dürfen, Kontakte nur per Telefon oder Videochat zu pflegen, die Verwandten - die endlich mal in der Nähe wohnen - nicht zu besuchen, weil man keinen gefärden möchte.

Und dabei immer das Gefühl zu haben: ich jammere auf hohem Niveau.

Darf ich eigentlich ausgelaugt und traurig sein am Ende diesen Jahres? Es ist - in meinem Umfeld - Gott sei Dank nichts wirklich Katastrophales passiert. Allen geht es gut, wir haben als Familie sogar eine Corona-Infektion halbwegs unbeschadet überstanden. Corona ist nicht die Pest, kein Krieg, keine Hungersnot.

Wir haben nicht einmal existenzielle Probleme, wie Schausteller, Künstler, Einzelhändler, Restaurantbetreiber oder Menschen, die schon vor Corona ganz allein dastanden.

Aber 2020 hat mich, mehr als andere Jahre zuvor (und es gab in meinem Leben eigentlich schon schlimmere), auf eine Frage zurück geworfen:

Was ist eigentlich der Sinn meines Lebens?

Eine komplett zufriedenstellende Antwort darauf habe ich bis jetzt noch nicht gefunden. Es fühlt sich auch nicht gerade angenehm an, diese Frage ständig zu wälzen. Aber vielleicht ist es ja gut, dass dieses Jahr mir diese Frage so aufgedrängt hat. Sie bringt mich dazu, an allen Orten Antworten zu suchen. Nicht zuletzt bei Gott. Psst: auch als Pastorin kommt man in Lebensphasen, in denen der Glaube zwischen Kopf und Herz zum Zerreißen gespannt ist.

Der Bibelspruch, der als "Losung" über das Jahr 2020 geschrieben war, lautet: "Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!" Markus 9,24

Welche Saiten bringt das in dir zum Schwingen, wenn du auf dieses Jahr zurück blickst?







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